Das perfekte Verbrechen und Veganismus

Veganer: Gut ohne Gott (Teil 2)

Theologen wie Manfred Lütz thematisieren gerne die Frage „Weshalb sollte man eigentlich gut sein, wenn es keinen Gott gibt?“ Lütz‘ Version dieser Frage lautet „Warum soll ich keine Bank überfallen, wenn ich sicher bin, dass ich nicht erwischt werde?

Lütz nimmt diese Frage zum Ausgangspunkt für die dümmstmögliche Argumentation (siehe Teil 1). Ich bin allerdings der Meinung, die Frage „Weshalb sollte man eigentlich gut sein, wenn es keinen Gott gibt?“ sollte nicht anhand einer völlig unrealistischen Fragestellung wie dem perfekten Banküberfall diskutiert werden.

Vielmehr sollte man Verhaltensweisen untersuchen, wo Menschen sich tatsächlich ohne Strafandrohung ethisch verhalten.

Beim Anschauen eines Interviews mit Peter Singer und Richard Dawkins fiel mir ein, dass Veganer dieses Kriterium erfüllen – also Menschen, die weder Tiere noch tierische Produkte essen bzw. allgemein die Nutzung von Produkten vermeiden, durch die Tiere zu Schaden kommen (z.B. auch durch Tierversuche).

Dieses Verhalten ist offensichtlich nicht durch das Risiko einer Bestrafung verursacht: Der Verzehr von Fleisch und die Nutzung von Tierprodukten ist ja gesellschaftlich akzeptiert. Veganismus hat auch keine religiöse Tradition – zumindest bei den abrahamitischen Religionen Judentum, Christentum und Islam. Mir wäre nicht bekannt, dass der abrahamitische Gott Strafen für den Konsum von Tierprodukten androht – er erfreut sich vielmehr an Tieropfern (siehe Teil 3).

Demzufolge muss Veganismus eine andere Begründung haben als die Furcht vor Strafe. Bisher sind mir zwei Erklärungen eingefallen:

  1. Empathie: Es ist natürlich, Mitleid mit Tieren zu empfinden.
  2. Das Bemühen um einen „stimmigen“ Lebenswandel. Wenn man sich überlegt, nach welchen Kriterien das eigene Handeln zu beurteilen ist, bietet sich als ein Grundsatz an, unnötiges Leid soweit wie möglich zu vermeiden. Es ist dann konsequent, dies auch auf das Leid von „nichtmenschlichen Tieren“, wie Peter Singer wohl sagen würde, auszudehnen.

Ich denke, das Bemühen um einen „stimmigen“ Lebenswandel als treibende Kraft sollte nicht unterschätzt werden. Es zeigt sich ja beispielsweise auch bei Menschen, die eine bestimmte Religion oder Philosophie konsequent (d.h. auch mit allen sich daraus ergebenden Unannehmlichkeiten) befolgen wollen.

Der Veganismus scheint mir auch deshalb besonders als Beispiel geeignet, weil man wohl annehmen darf, dass der Fleischkonsum im Menschen angelegt ist. Es dürfte sich daher bei einer veganen Lebensweise tatsächlich um die Unterdrückung eines natürlichen Triebes handeln. Demgegenüber dürfte das Bedürfnis nach Banküberfällen – oder selbst nach Geld bzw. Reichtum – weniger stark biologisch angelegt sein.

Ich halte also fest: Veganismus ist ein Beispiel für ethisches Verhalten, das auch ohne Strafandrohung praktiziert wird. Wer wissen will, weshalb sich Menschen ethisch verhalten, der dürfte hier einen interessanten Untersuchungsgegenstand haben.

Wer hingegen – wie Manfred Lütz – nur einen Vorwand für einen „Gottesbeweis“ sucht, dem hilft das Beispiel Veganismus nicht weiter. Im Gegenteil: Lützens „Argumentation“ beruht ja gerade darauf, dass ethisches Verhalten nur dann vernünftig sei, wenn es einen „Richtergott“ gibt. Wenn „Stimmigkeit“ von Weltanschauung und Lebenspraxis ein Motiv ist, dann bedarf es keiner übernatürlichen Sanktionen.

Das war eigentlich schon der Punkt, auf den ich hinaus wollte.

In Teil 3 zeige ich, dass es äußerst schwierig sein dürfte, eine vegane Lebensweise mit der Bibel zu begründen.

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3 Responses to Das perfekte Verbrechen und Veganismus

  1. martin sagt:

    Eine Liste von Gründen, vegan zu leben, gibt es hier: http://www.veganismus.de/vegan/motive.html

    Allerdings denke ich nicht, daß „Fleisch zu essen“ evolutionär angelegt sei. Angelegt ist lediglich, alles erreichbare zu essen, um zu überleben. An fleischlicher Nahrung betraf das in vorzivilisatorischer Zeit allerdings hauptsächlich Insekten und Aas und das zu kaum 10% der Gesamtnahrung. Der Punkt jedoch ist, daß kein Fleisch oder andere Tierprodukte zu essen, keine Unterdrückung eines Triebs darstellt, solange man satt ist. Wovon man satt ist, ist den Instinkten recht egal.
    Und auch wenn Veganismus „unnatürlich“ ist, ist er nicht weniger ethisch notwendig. Denn wenn wir die Möglichkeit haben, unnötiges Leiden zu verhinden, sollten wir auch die Pflicht dazu haben.

    Wenn du noch Material für Teil 3 suchst:
    http://www.antispe.de/txt/furchtundschrecken.html
    http://www.antispe.de/txt/unsertaeglichesfleisch.html

  2. skydaddy sagt:

    Hallo Martin!

    Vielen Dank für die interessanten Links. Teil 3 ist allerdings schon fertig…

    Ich weiß, dass die Formulierung mit der Triebunterdrückung etwas missverständlich ist. Ich meine es so wie es auch Leute gibt, die kinderlos leben, obwohl Menschen prinzipiell auf Nachkommenschaft angelegt sind.

    Meines Wissens ist das menschliche Gebiss und der Verdauungsapparat auf „alle Nahrungsmittel“, also Pflanzen und Tiere, angelegt. Veganer verzichten also darauf, diese Möglichkeit zu nutzen, ähnlich wie bewusst kinderlose Menschen auf die Option „Nachkommen“ verzichten.

    Ich will auf keinen Fall den Eindruck erwecken, Veganismus sei „widernatürlich“. Wir unterdrücken ja glücklicherweise auch gelegentlich die „natürliche“ (instinktive) Reaktion, uns gegenseitig die Köpfe einzuschlagen – weil wir es besser wissen.

    So sehe ich auch den Veganismus: Verzicht auf etwas, was man zwar tun könnte, aber bewusst nicht tut, weil man dies für besser hält.

  3. fressack sagt:

    Ich würde Dir nach Lesen von einigen Auszügen erst einmal zustimmen.

    Vorschlag zur Bezeichnung von Veganismus: UNnatürlich.
    Das ist übrigens therapier- und heilbar.

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