Manfred Lütz und das perfekte Verbrechen

Veganer: Gut ohne Gott (Teil 1)

Durch ein Interview mit Peter Singer und Richard Dawkins angeregt, wollte ich hier etwas zu zum perfekten Verbrechen und Veganismus schreiben. Dazu mehr in Teil 2.

Zunächst musste ich feststellen, dass die (sinngemäße) Frage: „Würden Sie ein Verbrechen begehen, wenn Sie genau wüssten, dass sie nicht erwischt werden?“ (perfektes Verbrechen) derzeit vor allem von Manfred Lütz thematisiert wird. Z.B. hier:

Liebe Hörerinnen und Hörer, warum überfallen Sie eigentlich keine Bank, wenn Sie sicher sein können, dass sie nicht erwischt werden?

Warum soll ich keine Bank überfallen, wenn ich sicher bin, dass ich nicht erwischt werde?

„Wenn es keinen Gott gibt und man nicht erwischt wird, gibt es keinen Grund, die Bank nicht zu überfallen.“

Lütz‘ dümmstmögliche Argumentation

Die Frage, ob man das perfekte Verbrechen begehen würde, wenn man die Gelegenheit dazu hätte, ist durchaus interessant. Bei Lütz ist sie allerdings lediglich der Ausgangspunkt für die dümmstmögliche Argumentation, die ich mir vorstellen kann:

Lütz behauptet nämlich mit Verweis auf Kant und Dostojewski, dass es nur dann vernünftig sei, das perfekte Verbrechen nicht zu begehen, wenn es einen Gott gäbe. Diese Argumentation scheitert auf mehreren Ebenen gleichzeitig, daher „dümmstmögliche Argumentation“. Nur drei Punkte dazu:

Erstens ist offensichtlich, dass aus dem bloßen Wunsch nach Gott oder dessen vermeintlicher Nützlichkeit nicht dessen Existenz folgt.

Zweitens: Wenn Lütz der Ansicht ist, dass Verbrechen nur durch die Annahme eines Gottes verhindert werden können, dann sollte er besser mit einem überzeugenderen Gott aufwarten als dem Christengott. Zum einen ist ein allwissender, allmächtiger und allgütiger Gott in Anbetracht der Realität eine logische Unmöglichkeit. Zum anderen ist gerade die christliche Vorstellung, Gott müsse sich selbst sich selbst als Menschenopfer bringen, um vergeben zu können, in höchstem Maße absurd.

Drittens: Man darf wohl davon ausgehen, dass ein nicht unerheblicher Prozentsatz von Kriminellen durchaus an Gott glaubt. Von dem englischen Priester, der kürzlich Ladendiebstahl „zur Not“ für zulässig erklärte, will ich gar nicht erst anfangen… Folglich ist auch der Glaube an Gott kein besonders zuverlässiger Schutz gegen Verbrechen – selbst wenn zusätzlich das Risiko der Entdeckung besteht.

Eine sehr schöne Erwiderung zu Lütz‘ Argumenten, speziell zu seinem  Buch „Gott: Eine kleine Geschichte des Größten„, liefert Edgar Dahl in „Das Elend der Theologie„.

Selbstlosigkeit: eine evolutionäre Erklärung

Dass Lützens Argumentation noch nicht einmal besonders originell ist, zeigt sich daran: In Richard Dawkins‘ „Der Gotteswahn“ findet sich praktisch eine Punkt-für-Punkt Erwiderung (inklusive der Bezüge auf Kant und Dostojewski – obwohl Dawkins damals von Lütz sicher noch nichts gehört hatte), und zwar in dem Kapitel „Wozu soll man gut sein, wenn es keinen Gott gibt?“ Dies ist letztlich auch die Frage, die Lütz stellt, und dies ist Dawkins‘ Erwiderung:

So formuliert, hört sich die Frage niederträchtig an. Stellt ein religiöser Mensch sie mir in dieser Form (was häufig vorkommt), bin ich sofort versucht, sie mit folgender Gegenfrage zu beantworten: »Wollen Sie mir wirklich sagen, dass Sie sich nur deshalb bemühen, ein guter Mensch zu sein, weil Sie Gottes Zustimmung und Lohn erringen oder seine Ablehnung und Bestrafung vermeiden wollen? Das ist doch keine Moral, sondern nur Opportunismus, Einschleimerei und der verstohlene Blick zur großen Überwachungskamera im Himmel oder zur kleinen Abhörwanze in Ihrem Kopf, die jede Ihrer Bewegungen und sogar Ihre intimsten Gedanken aufzeichnet.« Oder, wie Einstein sagte: »Wenn die Menschen nur deshalb gut sind, weil sie sich vor Strafe fürchten und auf Belohnung hoffen, sind wir wirklich ein armseliger Haufen.« Michael Shermer bezeichnet dies in The Science of Good and Evil als das Ende einer jeden sinnvollen Diskussion. Wer meint, er würde ohne Gott zum »Räuber, Vergewaltiger und Mörder«, der entlarvt sich selbst als unmoralischer Mensch, »und wir wären gut beraten, um ihn einen großen Bogen zu machen«. Räumen wir dagegen ein, dass wir auch ohne göttliche Aufsicht weiterhin ein guter Mensch wären, versetzen wir unserer Behauptung, Gott sei nötig, um gut zu sein, einen tödlichen Schlag. Gewiss halten viele religiöse Menschen die Religion für ihr Motiv, sich gut zu verhalten, zumal wenn sie einer jener Glaubensrichtungen angehören, die persönliche Schuldgefühle systematisch ausnutzen.

In „Der Gotteswahn“ liefert Dawkins eine evolutionäre Erklärung für Altruismus (Selbstlosigkeit), die ich an anderer Stelle mal so zusammengefsst habe:

Es reicht […], sich zu vergegenwärtigen, dass Menschen über zigtausende von Jahren in relativ kleinen Gruppen zusammengelebt haben, und dass altruistisches Verhalten dabei aus genetischen oder sozialen Gründen vorteilhaft war. Der Umstand, dass Menschen heute in Städten leben, „wo sie nicht ihre Verwandten um sich haben und jeden Tag mit Personen zusammentreffen, die sie nie wieder sehen“, ist aus Sicht der Evolution erst vor so kurzer Zeitaufgetreten, dass die unbewussten „Faustregeln“ – sei gegenüber Deinen Mitmenschen selbstlos – immer noch wirken.

Wenn Selbstlosigkeit sozusagen „fest verdrahtet“ in den Genen ist, weil über hunderttausende von Jahren die Menschen um uns herum tendenziell die Träger der gleichen Erbinformation waren, dann erklärt das auch, weshalb bei vielen Menschen auch heute noch eine natürliche Hemmung besteht, Verbrechen zu begehen – auch, wenn die Opfer höchstwahrscheinlich keine unserer Gene in sich tragen.

Ein Gott wird dafür nicht benötigt.

In Teil 2 komme ich dann zu meinem eigentlichen Punkt: Das perfekte Verbrechen und Veganismus.

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3 Antworten zu Manfred Lütz und das perfekte Verbrechen

  1. […] nimmt diese Frage zum Ausgangspunkt für die dümmstmögliche Argumentation (siehe Teil 1). Ich bin allerdings der Meinung, die Frage „Weshalb sollte man eigentlich gut sein, wenn es […]

  2. […] Kommentator Skydaddy hat sich jetzt auch auf seinem Blog dem Thema angenommen in 3 Teilen. Allerdings dienen Veganismus und Veganer hier als Beispiel einer Ethik die […]

  3. […] widerlegt hat? (Hier reicht es sogar aus zu sagen: besprochen hat.) Siehe z.B. Robert Spaemann und Manfred Lütz, bei denen ich schon vor einiger Zeit darauf hinwies, dass ihre exakte Argumentation in “Der […]

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