An den Ich-hör-wohl-nicht-recht-Service des Deutschlandradios

Sehr geehrte Damen und Herren,

ich fasse es nicht, dass das von mir üblicherweise geschätzte Deutschlandradio einen Beitrag wie den von Barbara Sichtermann bringt.

Anfangs hielt ich den Artikel für Satire:

Dann kam eines Tages ein kluger Mensch und stellte die Dinge richtig. Ausländerfeindlichkeit gebe es kaum. Was das alte Europa nicht haben wolle, sei vielmehr die Armut – die eben häufig mit Ausländern zusammen einwandere.“

Offenbar meint es die Autorin allerdings ernst. Die Verlogenheit ihrer Ausführungen ist allerdings deutlich zu erkennen: Ihr geht es in Wahrheit gar nicht um Rückständigkeit als solche, sondern um islamische Rückständigkeit – oder das, was sie dafür hält.

Frau Sichtermann erwähnt z.B. mit keinem Wort die rückständigen Praktiken der Beschneidung, des Schächtens und der Speisevorschriften. Während letztere zumindest strafrechtlich nicht bedenklich sind, wird die Beschneidung von Kindern m.W. lediglich faktisch geduldet und für das Schächten gibt es Ausnahmegenehmigungen. Diese rückständigen Bräuche wären sicher bedenklicher einzustufen als das Tragen von Bärten oder Burka. Aber Frau Sichtermann erwähnt sie nicht – man darf wohl vermuten, weil diese Praktiken offensichtlich nicht allein auf den Islam beschränkt sind.

Es war zu allen Zeiten eine beliebte Taktik, seine Diskriminierungsabsichten dadurch zu verschleiern, dass man das eigentliche Diskriminierungsmerkmal nicht beim Namen nennt, sondern andere Kriterien aufstellt, die jedoch genau so „zugeschnitten“ werden, dass sie den gewünschten Effekt haben. Hitler hat z.B. das Schächten verboten, um die Juden zu treffen. Heute werden bestimmte Kopfbedeckungen verboten, obwohl allen klar ist, dass damit das Kopftuch gemeint ist.

Frau Sichtermann empfiehlt dem „südanatolischen Hirtensohn, der nach Deutschland kommt“, und für seine Rückständigkeit nichts kann (allein die Wortwahl „der südanatolische Hirtensohn“ und die unausweichliche Gleichsetzung mit Rückständigkeit sind wohl schon nah dran an der Sprache von Rassisten), „seine Lebensführung mit den hiesigen Verhältnissen und Gesetzen abstimmen“ – Frau Sichtermann und das Deutschlandradio sollten lieber Mal ihre eigenen Beiträge mit den hiesigen Verhältnissen abstimmen: Bärte, Kopftuch, Burka, Beten – das alles ist in Deutschland erlaubt!

Die Krönung – und damit sind wir wieder bei dem Satireeindruck – ist, dass Frau Sichtermann als positives Beispiel für den Kampf des Staates gegen Rückständigkeit eine Aktion von Zar Peter dem Großen von vor 300 Jahren bringt, bei der Rückständigkeit durch ein Bartverbot bekämpft werden sollte.

Ich bin kein Muslim, sondern Atheist, und finde alle Religionen rückständig. Aberglauben genauso.

Aber erstens gilt dann eben auch bei der Ablehnung „gleiches Recht für alle“. Nur des Islam zu kritisieren – ohne den kleinsten Hinweis, dass es auch anderswo rückständig zugeht – beweist, dass das Kriterium der Rückständigkeit nur vorgeschoben ist.

Zweitens gilt „gleiches Recht für alle“ eben auch und gerade für Minderheiten. Das Recht soll gerade Menschen schützen, deren Verhalten anderen fremdartig und unverständlich vorkommt. Sofern niemand anders beeinträchtigt wird. Der „Mainstream“ braucht keinen Schutz.

Ich könnte noch mehr schreiben, ich hoffe und denke allerdings, meine Einwände sind deutlich geworden.

Der genannte Artikel rechtfertigt Islamophobie, und er tut dies durch bösartiges Herauspicken und Assoziieren.

Eine Schande! Ich hoffe, dass dies ein Nachspiel hat.

Mit verbindlichen Grüßen,

Matthias Krause

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5 Responses to An den Ich-hör-wohl-nicht-recht-Service des Deutschlandradios

  1. skydaddy sagt:

    Kann man eigentlich nicht mal ein, zwei Tage in Ruhe gegen die Kirchen hetzen, ohne dass man sich auf die Seite der Muslime (nicht des Islam) schlagen muss?

  2. alien59 sagt:

    zum Kommentar: rofl.
    Zum Artikel: danke, ich hatte diese Unglaublichkeit auch entdeckt, hatte aber keine Lust, mich an Frau Sichtermann abzuarbeiten. Vor allem diese Einleitung, Ausländerfeindlichkeit habe es ja nicht gegeben, hat mir regelrecht die Sprache verschlagen.

  3. […] der Religionspolizei Ein Hinweis in eigener Sache: Ich reise heute bis Montag in ein „eklatant rückständiges“ Land – nach Malaysia nämlich. Zwar habe ich schon mal eine Festplatte „Made in […]

  4. atheistischer Pfarrerssohn sagt:

    WOW! Dieser Artikel sollte, obwohl ich gegen Zensur bin, eindeutig vernichtet werden. Solch eine Volksverhetzung kann nicht akzeptiert werden! Na klar sind alle Religinen rückständig („Schuldgefühle mit verschiedenen Feiertagen“ wie Vince Ebert es ausdrückt) aber es ist wesentlich rückständiger zu diskriminieren.

  5. […] halten: Sie schreibt noch vergleichweise sachlich und verlinkt ihre Quellen sauber. Auch bin ich, wie Ihr wisst, grundsätzlich skeptisch gegenüber Regelungen, die zwar weltanschaulich neutral gehalten sind, […]

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