Weltparlament der Trittbrettfahrer

Während seit Montag die UN-Klimakonferenz zum 15. Mal zusammenkommt, trifft sich gleichzeitig noch bis heute in Australien unter dem Motto  „Einen himmelweiten Unterschied machen: einander zuhören, die Erde heilen“ das sog. „Parlament der Weltreligionen„. Die haben sich 1893 zum ersten Mal getroffen, dann hundert Jahre nicht mehr, um dann zum hundertjährigen Jubiläum 1993 einen Minimalkonsens der Religionen bezüglich Werten, Maßstäben und Verfahrensweisen zu formulieren. Ich nehme an, für eine Anerkennung der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte (1948) hat’s nicht gereicht.

Prominentester Gast dieses Jahr ist seine Heiligkeit, Dr. h.c. Dalai Lama: 

Bei dem Treffen setzte sich der Dalai Lama für einen gemeinsamen Kampf gegen die Umweltzerstörung ein. […]

Der Dalai Lama wies darauf hin, dass der weltweite Klimawandel in Tibet am deutlichsten zu spüren sei – die Temperaturen steigen auf dem tibetischen Hochplateau mit doppelter Geschwindigkeit. Dort entspringen die vier größten Wasseradern Asiens. Damit ist der Erhalt des tibetischen Ökosystems für den gesamten Kontinent von größter Bedeutung.

Darauf hat die Welt gewartet: Die Wissenschaftler sind sich seit Jahren im Grundsatz über den Klimawandel einig. Seit 15 Jahren finden Klimagipfel statt. Vor einigen Jahren gab es ein populäres Video – „Eine unbequeme Wahrheit“ von Al Gore – das mittlerweise auch schon wieder so alt ist, dass ich es schon als Zeitschriftenbeilage gesehen habe. Und jetzt springen auch noch die Weltreligionen auf den Zug auf?

Ich verstehe nicht, washalb es noch eines Religionstreffens und Erklärungen des Dalai Lamas bedarf, um etwas für den Klimaschutz zu tun. Muss den Religiösen alles erst noch mal von ihren Vorbetern erklärt werden? Wären nicht, wenn es um Dinge wie das Klima geht, Wissenschaftler diejenigen, die man nach ihrer Meinung fragen sollte?

Für mich stellt es sich so dar, als ob die Weltreligionen sich hier wieder mal als Letzte eines Themas annehmen, nachdem ansonsten bereits allgemeiner Konsens darüber besteht. Ich denke auch, Religionsgemeinschaften als solche können bei solchen Themen immer nur hinterher hinken – denn ihre Mitglieder stammen ja meist aus allen möglichen Bevölkerungsgruppen. Solange zu einem Thema noch kein breiter gesellschaftlicher Konsens besteht, würden die Religionsgemeinschaften riskieren, einen beträchtlichen Teil ihrer Mitglieder zu verprellen, was bei Religionen nicht selten zu Abspaltungen geführt hat. Man braucht sich ja nur die aktuelle Kontroverse bei den Anglikanern um die Wahl einer lesbischen Bischöfin anzusehen.

Ich denke, dass der Klimaschutz die Weltreligionen wesentlich weniger braucht als die Weltreligionen den Klimaschutz. Wenn die Politiker weltweit sich bereits des Themas angenommen haben braucht es gewiss keine „Helfer“ mehr, die erst jetzt auf den Zug aufspringen. Nicht, dass ich der Politik hier blind vertraue, aber es zeigt doch, dass es bereits einen breiten globalen Konsens gibt und dass am Thema gearbeitet wird. Demgegenüber wage ich zu bezweifeln, dass die „Erforschung von Nachhaltigkeit und Klimawandel durch die Linse der Spiritualität der Ureinwohner“ einen spürbaren Effekt für die Klimaverbesserung haben wird.

Auf der anderen Seite haben die Weltreligionen ein schönes Thema, bei dem sie sich einig sein können. Wie ist das möglich? Nun, Klimaschutz ist ein relativ neues Thema. Deshalb gibt es in den Religionen dazu (glücklicherweise) keine dogmatischen Aussagen. Und es handelt sich um ein diesseitiges Thema. Das heißt, man kann mittels Vernunft zu nachprüfbaren Erkenntnissen kommen.

Der Dalai Lama beruft sich oben ja nicht auf heilige Schriften, religiöse Autoritäten oder eine Offenbarung, sondern auf nachprüfbare, weltliche Entwicklungen.

Man könnte sogar zu der Vermutung gelangen, das Parlament der Weltreligionen greift seine Themen gerade deshalb auf, weil hier (ohnehin) Einigkeit besteht. Positive Schlagzeilen sind sicher!

Das Problem der Weltreligionen scheint mir zu sein, dass sie – wie oben beschrieben – sich zwar relativ leicht zu neuartigen Entwicklungen einigen können (andere Themen früherer Zusammenkünfte waren z.B. AIDS (1999), Zugang zu sauberem Wasser (2004), Flüchtlingsproblematik (2004)) – weil die jeweiligen Lehren dazu keine Aussagen machen, dass aber Religionen üblicherweise „absolute“ Aussagen zu den zeitlosen gesellschaftlichen Standardthemen beinhalten: Ehe, Familie, Erziehung, Rolle der Frau, Rolle von Sklaven, Umgang mit Menschen anderer Religionen, Homosexualität usw. Und diese Aussagen sind durch die Auffassungen der Gesellschaft zu Zeit und Ort der Religionsgründung bestimmt.

Während die (mehr oder weniger) säkulare Gesellschaft heute relativ einfach Sklaverei abschaffen (ok, das war nicht so einfach), Frauenwahlrecht einführen und Homosexuelle gleichstellen kann (wir arbeiten dran…), sind die Religionen hier an ihre überkommenen Lehren gebunden. Ich nehme an, mit der Einmütigkeit beim Parlament der Weltreligionen wäre es schnell vorbei, wenn sie mal die Themen aufgreifen würden, bei denen sie tatsächlich einen Fortschritt bewirken könnten: nämlich dort, wo Religionen den Fortschritt immer noch behindern: z.B. bei der Rolle der Frau oder Homosexualität. Oder – neulich habe ich darüber geschrieben – beim Tierschutz.

Solange das Parlament um die religiösen Aspekte herumeiert, die das Zusammenleben der Menschen erschweren, und die anderen Themen immer erst dann aufgreift, wenn sich bereits ein gesellschaftlicher Konsens herausgebildet hat – solange ist das Parlament der Weltreligionen nicht viel mehr als eine gigantische Echokammer.

Schade! Ich bin sicher, die meisten Beteiligten sind guten Willens und würden, wären sie nicht durch ihre Religiosität abgelenkt, ihre Energien in wirksamere Aktivitäten stecken.

Sicher setzt das Parlament der Weltreligionen ein wichtiges Zeichen: Wir können „auf Augenhöhe“ miteinander reden. Wie hier gezeigt, ist das Parlament aber auch ein Symbol dafür, wie Religion den gesellschaftlichen Fortschritt behindert.

Die Website des Religionsparlaments ist hier. Ich bin allerdings nicht sicher, wann sie das letzte Mal upgedatet wurde… Schlagzeilen wie „Dr. Hans Küng fordert Reformen in der Katholischen Kirche“  sind ja zeitlos…

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2 Responses to Weltparlament der Trittbrettfahrer

  1. Bert sagt:

    …Parlament, dann sind sie ja wohl gewählt (aber auf die nordkoreanische oder belgische Art?), dann müßte es auch einen Parlamentspräsidenten geben (ist Gott demokratisch?), oder ist es ein Parlament im Exil, schwierig …

  2. […] ausgedrückt, dass die Würdigung des Tieres 2000 Jahre lang übersehen wurde. Schön blöd – ich erwähnte es gestern bereits – wenn man seine Ethik erst „im Nachhinein“ aus der Bibel rauslesen kann – wenn […]

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