Bischof als Schokoladenonkel: Der Hl. Nikolaus

Schon mal was von der „weihnachtsmannfreien Zone“ gehört? Katholiken wollen, dass in der Weihnachtszeit die Figur des Hl. Nikolaus in den Vordergrund gestellt wird. Begründung:

Der Weihnachtsmann

  • sei eine Kunstfigur
  • sei eine Erfindung der Werbung
  • solle Handel und Umsatz steigern
  • stünde für den Konsum.

Der Nikolaus

  • sei ein Heiliger
  • sei ein Nothelfer
  • sei der Schutzpatron der Kinder, Schüler und Schiffsleute
  • rufe in Erinnerung Gutes zu tun, an den Nächsten zu denken, und Freude zu schenken.

Optisch lassen sich die Figuren an der Kopfbedeckung unterscheiden: Der Weihnachtsmann trägt eine rote Zipfelmütze, der Nikolaus eine Bischofsmitra. Nikolaus hat außerdem einen Bischofsstab. Ich erwähne dies nur, um Verwirrung vorzubeugen, die z.B. durch Gedichte wie dieses erzeugt wird:

Nikolaus, du guter Mann,
hast einen schönen Mantel an. […]
die Stiefel sind so spiegelblank,
die Zipfelmütze fein und lang

Oder in dem Buch „Der Struwwelpeter“ („Da kam der große Nikolas mit seinem großen Tintenfaß“):

Interessant ist, dass der Hl. Nikolaus selbst eine Kunstfigur ist, die aus zwei historischen Ausgangsfiguren zusammengestellt wurde. U.a. wegen der mangelnden Historizität – und um das Kirchenjahr stärker auf Jesus hin auszurichten (!) – wurde 1969 bei der Neuordnung des Kirchenjahres durch Papst Paul VI. Sankt Nikolaus am 6. Dezember als allgemein gebotener Heiligengedenktag aus dem Generalkalender der Römischen Kirche gestrichen.* Regional wird der Nikolaustag z.T. weiter als Heiligengedenktag geführt (Genaueres unten).

Hinsichtlich der Legendenbildung wird schon bei der Weihnachtsmannfreien Zone deutlich, dass dabei z.T. auf Wunder Jesu („Stillung des Sturms“ und Brotvermehrung) angespielt wird.

Aber gut – ein Zeichen gegen den blinden Konsum setzen, dem  müsste man sich doch durchaus anschließen können, zumindest als Christ, oder?

Falsch! Denn der Hl. Nikolaus stellt, wie der Name schon sagt, Heiligenverehrung dar – und damit können sich Protestanten nicht anfreunden. Deshalb lässt sich eine andere Kunstfigur auf Martin Luther zurückführen: das Christkind. Luther verlegte den Brauch des Schenkens vom Nikolaustag auf die „heilige Nacht“ vom 24. auf den 25. Dezember, den Geburtstag des Christuskindes. Er verfolgte also gewissermaßen schon den gleichen Zweck wie später Paul VI. (s.o.). Auch dieser Brauch entwickelte jedoch eine Eigendynamik – das Christkind ist heute eine eigenständige Figur, meist als blondgelocktes Kind mit Flügeln und Heiligenschein dargestellt – und natürlich hat auch das Christkind eine eigene Sympathisantengruppe: Den Verein „Pro Christkind“.

Wikipedia hat hier einen Überblick über das Verhältnis von Christkind, Nikolaus und Weihnachtsmann. Der Weihnachtsmann ist keine „Erfindung der Werbung“ (Coca-Cola im Jahr 1931), wie uns die Weihnachtsmannfreien weismachen wollen. Sammlerin Christl Hütten hat Weihnachtsmann-Postkarten aus der Jahrhundertwende um 1900.

In der weihnachtsmannfreien Zone glaubt man also, dass der Weihnachtsmann eine Erfindung der Werbung ist, und dass der Hl. Nikolaus wirklich gelebt hat. Da wundert es mich bloß, dass sich nicht doch an den Weihnachtsmann glauben.

* Zur Streichung des Nikolaustages aus dem Heiligenkalender: Ich bedanke mich ganz herzlich bei Prof. Dr. Werner Mezger von der Uni Freiburg, einer Koryphäe auf dem Gebiet der Nikolausforschung (eine Auswahl seiner Veröffentlichungen hier) und Verfasser des Buches „Sankt Nikolaus zwischen Kult und Klamauk„. Die Streichung des Nikolaustages aus dem Heiligenkalender wurde in einem Veranstaltungsbericht des Schwarzwälder Boten („Populärer Heiliger wird zur Spaßfigur„) zu einem Vortrag von Prof. Mezger erwähnt. Nachdem ich diese Information im Internet nicht bestätigt fand und alle von mir geprüften Heiligenkalender den Nikolaustag beinhalteten (und man als Atheist ja auch „passende“ Infos nicht einfach ungeprüft übernimmt), mailte ich Prof. Mezger mit der Bitte um Klärung, die er mir trotz Wochenende umgehend erfüllte. (Obwohl er, nun ja, sich nicht alle Auffassungen auf dieser Website 100% zu eigen macht.) Ihm ist verständlicherweise an einer korrekten Wiedergabe seiner Darstellung gelegen. Oben habe ich mich bemüht, es sinngerecht zusammenzufassen. Hier der Wortlaut, den mir Prof. Mezger gemailt hat:

Am 14. Februar 1969 wurde, rund siebeneinhalb Jahrhunderte, nachdem das Konzil von Oxford den Nikolaustag zu einem Heiligenfest erster Klasse erklärt hatte, mit der Approbation der Neuordnung des Kirchenjahres durch Papst Paul VI. Sankt Nikolaus am 6. Dezember als allgemein gebotener Heiligengedenktag aus dem Generalkalender der Römischen Kirche gestrichen. Begründet wurde die Streichung der gesamtkirchlichen Verbindlichkeit des Nikolaustages a) hagiologisch mit der mangelnden Historizität der Heiligengestalt, die letztlich eine Kompilation aus zwei historischen Ausgangsfiguren darstellt, und b) theologisch mit der Stärkung der christozentrischen Ausrichtung des Kirchenjahres und der behutsamen Regionalisierung der Heiligenverehrung im Sinne des Zweiten Vatikanischen Konzils. In den Eigenkalendern derjenigen Diözesen, die seit Jahrhunderten ein Nikolauspatrozinium haben, wie etwa Fribourg in der Schweiz, wird der Nikolaustag weiterhin als diözesaner Heiligengedenktag geführt.

Die entsprechenden Quellenverweise finden sich in dem o.g. Buch von Prof. Mezger, „Sankt Nikolaus zwischen Kult und Klamauk„.

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3 Responses to Bischof als Schokoladenonkel: Der Hl. Nikolaus

  1. […] Bischof als Schokoladenonkel: Der Hl. Nikolaus Paris Hilton als Weihnachtsfrau […]

  2. […] zur Nikolausfigur: Bischof als Schokoladenonkel: Der Hl. Nikolaus (Komisch – der Artikel ist vom letzten Jahr, trotzdem scheint der Titel aktueller denn […]

  3. für alle, die das noch nicht wissen . . .

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