Religionsfreiheit à la Vatikan – oder eher Orwell?

Gestern hatte ich über das Problem geschrieben, dass religiöse Menschen, selbst wenn sie logische Schlussfolgerungen ziehen, diese u.U. auf der Basis falscher bzw. unbewiesener Annahmen treffen – womit die Schlussfolgerungen dann zwar „logisch“, aber trotzdem falsch sind. Da der religiöse Mensch aber die religiösen (unbewiesenen bzw. unplausiblen) Annahmen ebenso für wahr hält wie die plausiblen (nichtreligiösen), wird er seine Schlussfolgerungen für stimmig und somit überzeugend, ja zwingend halten.

Als wollte er sich als Beispiel anbieten, fand ich jetzt einem Artikel auf kathnews, in dem kathnews-Redakteur Michael Gurtner die katholische Auffassung von Religionsfreiheit erläutert. Ich habe noch nicht nachgeprüft, ob er tatsächlich die römisch-katholische Lehrmeinung vertritt, aber immerhin hat kathnews folgendes Selbstverständnis:

Als katholisches Internetprojekt wissen wir uns der Treue zum Nachfolger Petri verpflichtet und bekunden unsere vollste Loyalität und enge Verbundenheit gegenüber der kirchlichen Tradition und Papst Benedikt XVI., dem Stellvertreter Jesu Christi.

Die Berichterstattung orientiert sich am kirchlichen Lehramt.

Und wenn Katholiken das sagen, muss es schließlich stimmen, oder?

Hier einige Beispiele der römisch-katholischen Logik:

Das ursprüngliche und grundkatholische Verständnis von Religionsfreiheit geht von einem Freiheitsverständnis aus, welches an die Wahrheit Gottes rückgebunden ist. Die Kirche, welche immer für die Religionsfreiheit eintrat, verstand diese so, daß die Wahrheit, welche nur aus Gott kommen kann, ein natürliches Recht hat, welches ihr ob ihres bloßen Wahrseins innewohnend ist. Daraus ergibt sich, daß auch nur die Wahrheit ein eigentliches Recht im vollen Sinne für sich beanspruchen kann.

Wenn Gurtner hier davon spricht, dass die Kirche „immer für die Religionsfreiheit eintrat“, hört sich das zwar gut an – es wird aber sofort deutlich, dass es sich hier nur um die Freiheit der römisch-katholischen Religion handeln kann:  „nur die Wahrheit“ kann „ein eigentliches Recht im vollen Sinne für sich beanspruchen“ – und  mit „Wahrheit“ ist hier natürlich die katholische Lehre gemeint. Das hat mit Religionsfreiheit, wie sie heute im allgemeinen verstanden wird, nichts zu tun.

Irrtümer und Unwahrheiten hingegen dürfen zwar nicht verfolgt werden, müssen teils sogar toleriert werden, dürfen aber nicht, und schon gar nicht von der Kirche selbst, in ihrer Verbreitung unterstützt oder gefördert werden, besonders um nicht das Seelenheil der Menschen zu gefährden. Der Irrtum selbst kann nie ein eigentliches und wirkliches Recht für sich beanspruchen, er kann nur unter Umständen geduldet werden, wobei es immer das Ziel bleiben muß, alle Menschen zur Kirche, zur Wahrheit und zum ewigen Seelenheil zu führen.

„Irrtumümer und Unwahrheiten“ meint hier alle der katholischen Lehre widersprechenden Auffassungen.

Dies gebietet alleine schon die Liebe gegen meinen Nächsten, auch wenn er Muslim ist. Dabei muß nicht betont werden, daß der Irrende selbstverständlich seiner Rechte nicht verlustig geht, aber auf seinen Irrtum hat er kein recht, schon gar nicht, durch seinen Irrtum andere Menschen zu gefährden.

„Kein Recht auf Irrtum“meint hier: Kein Recht auf andere Auffassungen als die römisch-katholische. Der christlichen Logik zufolge gefährdet natürlich jeder Andersdenkende wenigstens potenziell das Seelenheil anderer.

Abstrakt und logisch macht es natürlich Sinn, die Wahrheit zu verbreiten und „Irrtümer und Unwahrheiten“ zu bekämpfen. Aber dadurch, dass der gläubige Katholik seine eigene Auffassung für „die Wahrheit“ hält und alles andere für „Irrtümer und Unwahrheiten“ entwickelt diese Logik, aufgrund der unsachgemäßen Zusatzannahmen, eine beängstigende Dynamik.

Der Irrtum hat selbst also zwar kein Recht, hingegen hat jedoch der Irrende als Person ein wirkliches und eigentliches Recht, daß ihm die Wahrheit in geeigneter, zielführender Weise vermittelt wird.

Es wird ein „Recht auf Wahrheit“ postuliert – hört sich gut an, wer wollte dem widersprechen? Bloß, dass die römisch-katholische Lehre ja davon ausgeht, dass nur sie selbst wahrheitsgemäß ist.

Die wahre und gottwohlgefällige Religionsfreiheit gründet in Gott und in der Würde des Menschen, welche in seiner Gottebenbildlichkeit besteht und der man nur gerecht werden kann, wenn man sich zur Wahrheit Gottes bekennt.

Sprich: Der „wahren“ Religionsfreiheit wird man nur gerecht, indem man sich zur römisch-katholischen Lehre bekennt.

Ein komplett gegensätzliches Konzept von Religionsfreiheit hingegen vertritt die Allgemeine Menschenrechtserklärung, welche zwar in den meisten ihrer einzelnen Forderungen durchaus Richtiges vertritt, aber ihre Begründung für deren Forderungen ist eine absolut gottlose: für die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte gibt es Gott nicht, ebenso keine Wahrheit, sondern oberste Instanz ist allein der Mensch und sein Wille.

Im Gegensatz zur römisch-katholischen Kirche akzeptiert die Menschenrechtserklärung, dass keine Religion durch besondere Plausibilität hervorsticht.

Deshalb ist die Begründung für die Religionsfreiheit nicht die Wahrheit und die Offenbarung Gottes, sondern allein der Mensch und sein Wille. Dadurch wird es aber selbst leicht angreifbar, wenn nur erst einmal die Mehrheit wegbricht.

Diese „Argumentation“ verblüfft mich immer wieder durch ihre Absurdität: Es ist doch offensichtlich, dass jede Begründung von der Akzeptanz der Mehrheit abhängt – unabhängig davon, ob sie tatsächlich wahr ist oder nicht. In islamischen Ländern gibt es auch keine richtige Religionsfreiheit – erst recht nicht im katholischen Sinn. Warum? Weil es dort keine katholische Mehrheit gibt. Obwohl die katholische Lehre doch auch im Iran und Saudi-Arabien wahr ist – oder etwa nicht?

Zum Abschluss noch ein besonders „schönes“ Beispiel für die römisch-katholische Logik:

Wenn es wahr ist, was die Kirche lehrt, daß wir Gott mit Sicherheit als Gott erkennen können, dann ist auch damit ausgesagt, daß wir Wahres als solches erkennen können. Zu fordern, daß auch der Islam sich ausbreiten und sein Denken in die europäische Kultur einbringen darf bedeutet nichts anderes, als den Absolutheitsanspruch, welchen die Wahrheit Gottes setzt, aufzugeben.

Die „wenn… dann…“-Logik wird hier im ersten Satz ausdrücklich demonstriert. Wie kommt Gurtner zu seiner Auffassung im zweiten Satz? Er geht natürlich davon aus, dass die kirchliche Lehre wahr ist.

Meine Schlussfolgerung: Die katholische Kirche pervertiert die Begriffe „Freiheit“ und „Wahrheit“.

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7 Responses to Religionsfreiheit à la Vatikan – oder eher Orwell?

  1. verquer sagt:

    „Der Irrtum hat selbst also zwar kein Recht, hingegen hat jedoch der Irrende als Person ein wirkliches und eigentliches Recht, daß ihm die Wahrheit in geeigneter, zielführender Weise vermittelt wird.“

    Die RKK steht uns also das Recht zu, von ihr eine Gehirnwäsche zu bekommen. Wie nett…

  2. Wer die Wahrheit, in der von Christus verkündeten Theologie sich im Herzen und Gesinnung zergehen lässt,
    wird alsbald feststellen, wie weit die römisch-katholische Kirche,von Gott abgefallen ist.
    Christus ist die Wahrheit,und was ER verkündet hat,
    führt zu den Tatsachen und Gewissheiten seiner Erlösung,Gerechtigkeit, Heiligung, die ihn vor Gott vollkommen macht,was Gottes Wille ist lt.Bergpredigt.
    Ich habe in meinen 74 Jahren als Christ, noch keinen Katholiken noch Evangelischen etc. angetroffen, der von sich ein Zeugnis abgelegt hat, in dem Prozess des Werdens zu sein in Richtung des „reinen Herzens“ und „Vollkommenheit“.
    Wer den Irrtümer,Lügen und Notlügen der RKK glaubt,betrügt sich selber an der vollen Erlösung und dient den alten anmaßenden und selbstberufenen Männern in Rom -aber nicht Gott,noch Christus,noch dem Heiligen Geist-welcher ist der Geist der Wahrheit.

  3. Bert sagt:

    „Irrtümer u. Unwahrheiten … unterstützt oder gefördert werden …“
    Im Endefekt müßte jede Äußerung zuerst durch die RKK abgezeichnet werden, den die bloße Idee könnte ungewollt einen Katholiken um das Seelenheil bringen.
    Was passiert mit dem Zensor, wenn er zuviel zensiert hat, er hat es ja ach gelesen (Idee), Ferien im Gulag a la Stalin?
    Das ist natürlich gefährlich für den Zensor, also müßte es alles ungelesene ablehnen, wieso weshalb warum – entnehmen Sie bitte näheres aus der auch in Ihrer Nähe liegender Inquisitionsfiliale.
    Danke für Ihr Verständnis.

    • waelti sagt:

      Nicht ‚im Endefekt‘. Katholisch heisst: selbst irgendwelche Überlegungen zur Bibel etc. ist nicht möglich. Alles nur zusammen mit dem Katechismus – der gültigen Lehre – anwendbar. Nichts ist gültig, das nicht die katholische Kirche als gültig erklärt hat. Ratzinger sagte mal (Sinngemäß): die Auslegung der Bibel hat im Sinne der katholischen Kirche zu erfolgen. Nicht CarWash – BrainWash!

  4. skydaddy sagt:

    @Bert:

    Ich nehme an, das ist so wie bei Monty Pythons tödlichem Witz: Da sind mehrere Zensoren, und jeder zensiert nur ein Wort…

    Tammox hat gestern etwas über Todsünden geschrieben, demzufolge liegt die Sünde in der freiwilligen Entscheidung, zu sündigen. Die Zensoren könnten also lesen, dürften bloß nicht zustimmen. Michael Schmidt-Salomon ist sicher anderer Auffassung, ihm zufolge gibt es ja keinen freien Willen.

  5. tom sagt:

    Erhellend dürfte die Erklärung „Dignitatis humanae“ des II. Vaticanums sein. Bei Gurtner klingen hier schon einige vorkonziliare Gedanken an, indem er in die Nähe der Forderung nach einer katholischen Staatsreligion rückt. Aus Sicht der katholischen Kirche und ihrer societas-perfecta-Lehre ist es aber auch nachvollziehbar: Nur die Wahrheit hat das Recht auf ihrer Seite. Entscheidender Gedanke des II. Vaticanums war für die rkK, daß es nicht Aufgabe des Staates ist, diese Wahrheit zu erkennen und durchzusetzen.

  6. tom sagt:

    Nochwas zum Thema Menschenrechte:
    Diese haben ihren Geltungsgrund und ihre Funktion gerade nicht im Schutz der Mehrheit und sind auch nicht abhängig vom Willen der Mehrheit, sondern limitieren diesen gerade. Im demokratischen System verhindern/erschweren Menschenrechte (in Dtld. die Grundrechte) Eingriffe der Mehrheit in die Rechte der Minderheit. Teilweise sogar durch einen absoluten Schutz, wie in Art. 79 Abs. 3 GG.

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