Die Folgen christlicher Argumentation

Ehrlich gesagt, bin ich etwas überrascht über die weitgehende Ablehung des Minarett-Verbots in den deutschsprachigen Medien. Denn die argumentative Grundlage für ein Minarett-Verbot ist auch in Deutschland bereits gelegt, obwohl sich selbst die Kirchen dagegen aussprechen.

Die Argumentation der Minarett-Gegner in der Schweiz beruht auf drei Punkten:

  1. Minarette sind Symbole eines islamischen Herrschaftsanspruchs
  2. Minarette sind für die Religionsausübung nicht erforderlich
  3. Die Mehrheit hat das Recht, der Minderheit in dieser Hinsicht Vorschriften zu machen

Für sich genommen, finden wir alle drei Argumente auch in der deutschen Diskussion. Statt der Minarette wird in Deutschland das Kopftuch als politisches Symbol bezeichnet, um es dann mit dieser Begründung zu verbieten. In diesem Zusammenhang wird auch gesagt, das Kopftuch sei für muslimische Frauen nicht zwingend vorgeschrieben. Und schließlich konnten wir erst kürzlich anlässlich des Kruzifix-Urteils des Europäischen Gerichtshofs für Menschenrechte wieder hören, Kreuze im Klassenraum seien sozusagen das Recht der Mehrheit.

Kopftuchverbote gibt es auch in Deutschland und auch Vorschriften über Kreuze in Klassenzimmern – und immer hieß es nach den Urteilen des Bundesverfassungsgerichts oder des EGMR: Jetzt erst recht! Von daher ist es schon etwas merkwürdig, wenn jetzt nur auf die Schweiz gezeigt wird.

Und leider muss man damit rechnen, dass auch in Deutschland große Teile der Bevölkerung gegen den Minarettbau stimmen würden. Solche Tendenzen werden natürlich befeuert, wenn verfassungsmäßig unzulässige Argumentationen auf breiter Front immer wieder wiederholt und umgesetzt werden.

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7 Antworten zu Die Folgen christlicher Argumentation

  1. Nikita Bondarev sagt:

    „Scheiß Schweizer! Zuerst Steueroase – nun Nazi-Paradies!“ – Ein ironischer Artikel zu diesem Thema – http://freidemzen.wordpress.com/2009/11/29/scheis-schweizer-zuerst-steueroase-%E2%80%93-nun-nazi-paradies/

    http://freidemzen.wordpress.com/

    Genau wir alle dachten zwei Antwortmöglichkeiten waren möglich aber eigentlich doch nur eine – „Für den Minarettbau heißt: aufgeschlossen, aufgeklärt, intelligent; gegen ebendiesen heißt nun mal: intolerant, rechtsextrem, faschistisch! Da kann man ja eigentlich nicht so viel falsch machen! Macht das Kreuzchen, wo es hingehört und alle sind glücklich!“

    ansonsten wird diffamiert und kräftig mit der braunen Keule geschwungen – so funktioniert Demokratie – aber irgendwie stinkt Demokratie ja!

    Toll, dass alle wissen wieso genau die Schweizer sich so entschieden haben. Und zwar aus den falschen Gründen…

    Ich rufe auf die Wahlen einfach abzuschaffen, dann entscheidet man sich immer richtig!

    So eine Einstellung ist die eigentliche Intoleranz! Und die gab es im Dritten Reich!

    Nikita Bondarev

  2. skydaddy sagt:

    Minarettverbot verstößt gegen die Religionsfreiheit und gegen die weltanschauliche Neutralität des Staates. Deshalb kann es auch durch eine demokratische Mehrheit nicht vorgeschrieben werden. Auch der Umstand, dass das Minarett nicht zwingend benötigt wird, ändert nichts daran.
    Und ja – „Bankgeheimnis“ a la Schweiz und Liechtenstein fördert Kriminalität und Ausplünderung ganzer Länder durch Despoten. Verbrechen lohnt nur, wenn man sein Geld unerkannt unterbringen kann. (Buchtipp: Capitalism’s Achilles Heel: Dirty Money and How to Renew the Free-Market System von Raymond W. Baker)

    P.S.: Der Mord an Theo van Gogh hat mit denjenigen, die in der Schweiz Minarette bauen wollen, soviel zu tun wie die, die Kirchen bauen, mit Leuten, die Abtreibungsärzte erschießen oder ihre Kinder sterben lassen, weil sie allein auf Gott vertrauen.

  3. Cornelia sagt:

    Ich habe so meine Probleme mit dem Begriff ‚Religionsfreiheit’, der ja auch die Freiheit zur Ausübung der zur Religion gehörenden ‚kultischen Handlungen’ einschließt.

    Derartige kultische Handlungen sind z.B. das Beschneiden von 8 Tage alten männlichen Säuglingen und das betäubungslose Schächten von Tieren.

    Beides soll also zum ‚Menschenrecht’ der freien Religionsausübung gehören. Für mich stellt dies allerdings einen Widerspruch in sich dar. Denn ein Menschenrecht ist auch die körperliche Unversehrtheit, von der im Falle der Beschneidung nun wirklich keine Rede sein kann. Es ist also ein Menschenrecht, unter dem Deckmantel der Religion gegen die Menschenrechte zu verstoßen. Das Schächten wiederum steht als völlig überflüssige Quälerei in eklatantem Widerspruch zu dem im Grundgesetz verankerten Tierschutz.

    Dies sind nur zwei Beispiele. Was aber nun – um das Problem auf die Spitze zu treiben –, wenn z.B. Maya, Inka oder Azteken hierzulande (hypothetisch, ich weiß) auf ihrem Recht auf freie Religionsausübung, einschl. der zugehörigen ‚kultischen Handlungen‘, versteht sich, bestünden: Würden Menschenopfer erlaubt? Gruselige Vorstellung.

    Für mich endet die Religionsfreiheit dort, wo Menschenrechte und Tierschutz anfangen.

    • skydaddy sagt:

      Hallo Cornelia!

      Eigentlich sollte gelten, dass sich auch die Religiösen und deren Gemeinschaften an die für alle geltenden Gesetze halten. Menschenopfer sollten daher nicht zulässig sein, auch nicht unter Berufung auf die Religionsfreiheit.

      Wie ich in einem Artikel erläutert habe, ist das Schächten unter bestimmten Umständen erlaubt, weil es auch noch andere Ausnahmen von der vorherigen Betäubung gibt (offenbar z.B. „waidmännische Tradition“), und dann kann man es den Religiösen schlecht verbieten. M.E. sollte dann natürlich die Konsequenz eher darin bestehen, die übrigen Ausnahmen ebenfalls abzuschaffen; vermutlich wurde das bisher für nicht durchsetzbar gehalten. Ich kann darüber nur spekulieren.

      Wieso die Säuglingsbeschneidung erlaubt ist, weiß ich ehrlich gesagt nicht. Es werden wohl auch medizinische Gründe angeführt, und die Jungenbeschneidung wird offenbar nicht als gravierender Eingriff angesehen – ich finde es allerdings schon erschreckend, zumal es heißt, die sexuelle Empfindlichkeit nehme durch das Fehlen der Vorhaut ab.

      Hier mal was zum Nachdenken für die Leserinnen und Leser: Ich lebe ja in Singapur, und eins der ersten Dinge, die mir hier aufgefallen sind, ist, dass abstehende Ohren bei Kindern offenbar nicht „standardmäßig“ angelegt werden. In Deutschland habe ich den Eindruck, das wird möglichst schnell „korrigiert“. Hier laufen etliche Leute mit „Segelohren“ herum. Es macht sich aber scheinbar niemand lustig darüber. Als ich dies hier mal gegenüber Bekannten – weitgereisten Bekannten! – erwähnt habe, waren die völlig verblüfft als ich behauptete, in Deutschland würden abstehende Ohren noch im Kindesalter „korrigiert“.

      Ich erwähne das hier, weil es im Grunde einen ganz ähnlichen Eingriff wie die Beschneidung darstellt. Viele – ich auch – sehen mit Sorge, dass sich immer mehr Menschen in immer jüngerem Alter Schönheitsoperationen unterziehen. Das mit den abstehenden Ohren – was ja im Grunde das selbe ist – scheint keiner wahrzunehmen.

      Ich habe gerade mal bei Wikipedia nachgeschaut: Es gibt keinen medizinischen Grund, abstehende Ohren anzulegen. Als Begründung wird genannt, dass Kinder mit abstehenden Ohren oft gehänselt werden und dann psychische Schäden davontragen können. Dabei erscheint mir problematisch, dass ja das Anlegen der Ohren die Betroffenen – sofern sie (noch) nicht „korrigiert“ sind – erst Recht zu Außenseitern macht. Wie gesagt – in anderen Ländern scheint es diese Problematik gar nicht zu geben. Und wenn es sie gibt, müsste man eigentlich das Hänseln unterdrücken, anstatt die Kinder zu operieren.

      Ich kann mit der Praxis des Ohrenanlegens leben und denke, es ist für das Kind auch sicherer, „normalisiert“ zu werden als darauf zu hoffen, dass es nicht gehänselt wird oder deswegen zumindest keine seelischen Schäden davonträgt.

      Aber im Grunde ist das ein schwerwiegender Eingriff ohne Grund. Wieso sind Schönheitsoperationen bei Teenagern besorgniserregend, aber als Standardprozedur bei abstehenden Ohren – ohne das Kind zu fragen – völlig akzeptiert? In beiden Fällen geht es doch nur um das Anpassen an ein Schönheitsideal.

  4. Cornelia sagt:

    Die Erlaubnis, im Rahmen der Religionsfreiheit auch die entsprechenden ‚kultischen Handlungen’ vorzunehmen, schließt meines Wissens nichts explizit aus. Im Umkehrschluß bedeutet das, daß jeder wie auch immer geartete Kult erlaubt ist, wenn der sich durch die jeweilige Religion begründen läßt. Ein „eigentlich sollte gelten …“ hilft da nicht weiter. Gilt oder gilt nicht? Das ist hier die Frage.

    Nun beschäftigt sich offensichtlich tatsächlich jemand mit dem Problem, ob die Beschneidung (aus nicht-medizinischen Gründen wohlgemerkt) strafrechtlich relevant ist und kommt zu folgendem Schluß:
    „Ein Arzt, der an einem minderjährigen und nicht einsichtsfähigen Jungen eine medizinisch nicht notwendige Zirkumzision vornimmt, macht sich nach § 223 Absatz 1 des Strafgesetzbuchs (StGB) strafbar, selbst wenn die Inhaber der Personensorge in den Eingriff einwilligen. Mangels Dispositionsbefugnis über das beeinträchtigte Rechtsgut (die körperliche Unversehrtheit des Kindes) ist diese Einwilligung nämlich unwirksam.“ http://www.pictokon.net/200803/strafrechtliche-relevanz-der-beschneidung010-000.html . Und wie Du ja auch selbst sagst, hat das offensichtlich – negative – Auswirkungen auf die spätere Sexualität, die nie wieder rückgängig zu machen sind. Mancher Mann leidet darunter (wie ja auch die gegen ihren Willen beschnittenen Frauen) sein Leben lang.

    Dementsprechend dürfte die Beschneidung hierzulande nicht erlaubt sein, ist es aber – aus religiösen Gründen. Das Anlegen oder Nichtanlegen abstehender Ohren läßt sich damit kaum vergleichen.

    Auf Deinen Artikel zum Schächten konnte ich nicht zugreifen. Das Argument zieht aber nicht. Ein für Tiere qualvolles Töten sollte in keinem Bereich – also weder in der Jägerei noch in der Religion – erlaubt sein. Daß ein Mißstand in einem Bereich zugelassen wird, ist kein Argument für dessen prinzipielle Gutheißung. Nutztiere werden noch auf vielfältige andere Weise gequält (z.B. Massenhaltung – und nein, ich bin kein Vegetarier). Das bedeutet jedoch nicht, daß dies ethisch vertretbar wäre.

    Und last not least: Auch wenn wir heute hier nicht mehr mit den Inka oder Azteken zu rechnen haben. Es schießen ständig irgendwelche neuen obskuren Religionen aus dem Boden. Dabei bleibt die Frage bestehen: Wie weit geht die Religionsfreiheit, wenn die betreffende Religion Handlungen vorschreibt oder mit sich bringt (wie eben – als Extrembeispiel – Menschenopfer), die den Menschenrechten zuwiderlaufen?

  5. skydaddy sagt:

    @ Cornelia: Danke für den Link zur Beschneidung als Körperverletzung.

    Ich denke, wir stimmen beide überein. Ich lehne die Beschneidung von Säuglingen und Kindern ab (egal, ob männlich oder weiblich). Ich bin auch dafür, Ausnahmen vom Tierschutz zu reduzieren. Ich bin übrigens auch Fleisch-Esser, kann das allerdings ethisch nicht rechtfertigen. Meine Überlegung ist: Unnötiges Leid sollte vermieden werden, und es ist m.W. nicht nötig, Fleisch zu essen. Ich war nur bisher nicht diszipliniert genug, mich danach zu richten (ich liebe Fleisch), und die Gesellschaft toleriert es halt.

    Zu Deinem ersten Punkt: Es bedarf keiner expliziten Regelungen, was den Gläubigen erlaubt ist und was nicht, da sie sich an dieselben Gesetze zu halten haben wie alle anderen. Sie dürfen nicht mehr, aber auch nicht weniger.

    Das „eigentlich“ in meiner ersten Antwort bezog sich darauf, dass die Großkirchen in der Praxis leider doch Extrawürste gebraten kriegen. Ich meine, mal ein Gesetz gesehen zu haben, bei dem ausdrücklich die Kirchen eine Extra-Regelung erhielten. Auf den Einwand: Die Kirchen müssen sich doch aber auch an die für alle geltenden Gesetze halten, wurde geantwortet: Das ist aber kein für alle geltendes Gesetz – denn die Kirchen sind ja ausdrücklich ausgenommen. Leider sind derartig hahnebüchene „Argumentationen“ im Staatskirchenrecht nicht selten anzutreffen.

  6. […] Ein anderer Punkt, der unter Umständen eine Rolle spielen könnte: Auch für das in Deutschland übliche „Ohrenanlegen“ bei Kindern mit abstehenden Ohren gibt es keine medizinische Indikation. Demzufolge wäre es im Grunde auch als Körperverletzung einzuschätzen. Das Argument, die Kinder würden sonst gehänselt, erscheint mir zweischneidig: Dadurch, dass abstehende Ohren standardmäßig angelegt werden, werden diese ja erst recht zum Ausnahmefall gemacht. In anderen Ländern wie hier in Singapur scheint man mit abstehenden Ohren überhaupt kein Problem zu haben. […]

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